Wie ein Bühnenbild entsteht

Zuerst einmal: Ein Bühnenbild ist kein Foto oder Gemälde von einer Bühne. Als Bühnenbild bezeichnen wir das, was das Publikum sieht, wenn man die Darstellerinnen und Darsteller außer Acht lässt. Es wird auch als „Kulisse“ bezeichnet.

Eine Kulisse kann eine leere Bühne mit schwarzem Hintergrund sein, ein einfacher Tisch mit einem Stuhl oder eine simple Kiste. Alles sehr angenehm für den Bühnenbau, da wenig zu Bauen ist. Das Bühnenbild kann aber auch ein Zimmer mit diversen Türen, ein Schloss, ein Innenhof, ein Wald, eine Hütte im Wald oder ein Lichtung am See sein. Oder, wie im aktuellen Fall, eine Stadtmauer. Aber wie wird eigentlich entschieden, was tatsächlich auf der Bühne gebaut werden soll?

Eine erste Orientierung bietet das Textheft des jeweiligen Theaterstücks. Die Theaterautorinnen und -autoren haben oft sehr konkrete Vorstellungen vom Aussehen der Bühne und beschreiben diese im Textheft. Das ist einerseits hilfreich. Andererseits entsteht hin und wieder der Eindruck, die Stückeschreibenden haben in ihrer Vorstellung eine Bühne mit unbegrenztem Platz und vielfältigen technischen Möglichkeiten. So liest man beispielsweise in der Beschreibung von mehreren Etagen, einem Keller oder einem sehr schnell wechselnden Bühnenbild, das eine drehbare Bühne erfordert. Diese Möglichkeiten hat DIE kleine BÜHNE aus naheliegenden Gründen nicht. Das hält uns aber selbstverständlich nicht davon ab, diese Stücke trotzdem auf unsere bescheidenen Bretter zu bringen. Beispiele hierfür sind die in der Vergangenheit von uns gezeigten Stücke wie „Der nackte Wahnsinn“ oder „Baumeister Sollness“.

Die – wenngleich wechselnd vergebene – Regie kennt DIE kleine BÜHNE und ihre räumlichen Gegebenheiten gut und kann meist bereits abschätzen, was möglich ist und was nicht. Falls aber nun (mal wieder) etwas Ausgewöhnliches gebaut werden soll, kommt der Verantwortliche für den Bühnenbau ins Spiel. In Zusammenarbeit mit der Regie wird – auch mal etwas intensiver – bereits vor der ersten Probe besprochen, welche der Vorstellungen aus dem Textbuch und von der Regie sich umsetzen lassen. Und vor allem: wie?

Es wird ausgehandelt, welche der im Textbuch erwähnten Türen wirklich notwendig sind und wo sie auf der Bühne platziert werden, wie eine Hütte im Wald gestaltet wird, um sie möglichst schnell für einen Szenenwechsel wieder abbauen zu können. Oder man stellt gemeinsam fest, dass ein halbrundes Amphitheater mit möglichst vielen und tiefen Stufen auf unserer Bühne aus Platzgründen einfach nicht machbar ist, wie es Daniel van Vugt für seine Inszenierung des aktuellen Schauspiels „Die fremde Stadt“ hinnehmen musste.

Also wählen wir ein anderes Stück? Moment! Lass uns darüber nachdenken, Ideen sammeln, vielleicht ein bisschen was ausprobieren. Muss es wirklich halbrund sein? Würde das Stück nicht auch mit geraden Treppenstufen funktionieren? Es würde! Also wird zunächst ein Entwurf auf Papier erstellt, gemessen, vielleicht sogar ein Computermodell angefertigt. Dann folgen eine Einkaufsliste, eine Tour durch den Baumarkt und der Termin für den Bau der Bühne. Oder eben vier Termine. Denn da DIE kleine BÜHNE kein festes Team für den Aufbau der Kulisse hat, sind immer möglichst viele Gruppenmitglieder gefordert, anzupacken und mitzuhelfen. Und trotz all der sorgfältigen Planung und dem unermüdlichen Einsatz des Teams kommt so gut wie kein Bühnenbild ohne Improvisation und den einen oder anderen Streifen Gewebeband aus…

Und spätestens zur Premiere steht ein Bühnenbild, in dem sich die Darstellenden so wohlfühlen können, dass sie ihre bestmögliche Leistung auf die Bühne bringen. Wenn dann das Publikum während der Aufführung vergisst, dass die Kulisse eben nicht aus Mauerwerk besteht, das dort kein echter Thronsaal ist und der Wald gar nicht wirklich aus vielen Bäumen besteht, dann haben wir alles richtig gemacht.

Letztendlich besteht der Reiz einer Theatervorstellung auch darin, sich einfach auf das einzulassen, was dort oben auf der Bühne passiert. Ohne CGI, Green Screens oder computergestützte Spezialeffekte, die das Kino möglichst realitätsnah wirken lassen sollen.

Wir hoffen, dass wir unserem Publikum, unabhängig vom Bühnenbild, noch viele Jahre Freude und Unterhaltung bieten können. Und wenn Sie das nächste Mal eine Vorstellung von uns besuchen, können Sie sich vielleicht vorstellen, mit welchem Aufwand wir die Kulisse gestaltet haben. Aber bitte erst nach der Vorstellung drüber nachdenken – lassen Sie zuerst das Stück auf sich wirken.

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